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29
Apr

Ein Schweizer Student im Rhein-Valley Hospital

Posted by Monika
Monika
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in Presse News

Ivan Skrbec studiert in Zürich Medizin. Er leidet an Zystischer Fibrose und ist – wie Stephan Holderegger – lungentransplantiert. Im März 2018 reiste er nach Kenia und arbeitete zwei Wochen lang mit im Rhein-Valley Hospital. Der Aufenthalt und die Gespräche mit Ruth Schäfer gingen dem Studenten nahe. In einem ausführlichen Bericht schildert er seine Eindrücke. Er dankt Mama Matata für ihr selbstloses Handeln und zollt ihr seinen Respekt.

 

Rhein-Valley Hospital: Hoffnung für alle

 

Idyllisch ist der Kasambara-Gilgil. Der Lake Elementatia scheint zum Greifen nahe. Eine Bergkette umschliesst das Gebiet, in dem das Rhein Valley Hospital liegt. Es ist still und ruhig. Doch der Schein trügt. «Am Abend ist hier meistens die Hölle los! Jetzt arbeiten die Menschen auf dem Feld, sorgen sich um ihre Familien. Doch sobald sich der Himmel dunkel färbt, kommen die Menschen in Scharen!», sagt Mama Matata (Spitalleiterin Ruth Schäfer). Wir schauen uns gerade den Brunnen an. Den hat der Verein Rhein-Valley Hospital zusammen mit dem Spital gebaut. Seither haben die Patienten und die Menschen in der Region Zugang zu sauberem Trinkwasser.
Das Spital liegt irgendwo zwischen dem Busch und Ballungsgebiet. Die Zahl der hier lebenden Menschen ist gewaltig, es sind etwa 80`000. Es fehlt aber eine vernünftige Infrastruktur, es gibt kein weiteres Krankenhaus und auch keine Apotheke. «Die Menschen wandern, wenn es sein muss, ein oder zwei Tage zu uns. Meistens sind sie dann völlig erschöpft. Manche brechen zusammen, andere sterben», sagt Mama Matata.
Ruth Schäfer leitet das Rhein-Valley Hospital. Sie wirkt unauffällig. Ihre Augen aber sind kritisch, ihr Verstand scharf, ihr Herz gross, ihre Energie und Motivation scheinen unendlich. Ruth Schäfer kämpft jeden Tag gegen das Elend in Kenia. Mir ist es unvorstellbar, dass sich eine weisse Frau seit mehr als einem Dutzend Jahren derart für Gesundheit und Gerechtigkeit engagiert.
Nach mehr als zwei Wochen Aufenthalt in Kenia ist mir das Lachen vergangen. Wie Stephan Holderegger leide ich an Cystischer Fibrose und bin lungentransplantiert. Ich bin Mediziner. Für mich gibt es keine Grenzen. Das glaubte ich, bis ich nach Kenia kam. Das Land muss man nicht fotografieren oder erlesen. Nein, Kenia muss man erleben! Und was ich erlebe, erfüllt mich mit Ohnmacht. Es lähmt mich, wenn ich sehe, was der Krieg vor bald zehn Jahren aus dem Land und den Menschen gemacht hat. Ich empfinde Wut, Trauer und etwas Hass, wenn ich die Armut, Korruption und Gewalt auf den Strassen sehe.
Und dennoch bin ich priveligiert, weil ich Kenia erleben darf. Die meisten Armen überleben diese harte und brutale Zeit nicht. «Du würdest nach einer Woche davonlaufen, müsstest du das Spital leiten sowie Recht und Ordnung herstellen», sagt Ruth trocken, als ich einen der Patienten betrachte. Mama Matata lag falsch: Ich wäre wahrscheinlich nicht einmal aus dem Flugzeug gestiegen, hätte ich gewusst, was mich erwartet.
Ich beobachte den jungen Patienten. Männlich, sechs Jahre alt, guter Allgemeinzustand, nicht unterernährt, kein HIV, keine Malaria. Er spielt auf der Wiese mit einem Ball, lacht und begrüsst die Mitarbeiter des Krankenhauses. Mama Matata kennt ihn gut. Sie erzählt mir, dass der Junge vor einiger Zeit im Strassengraben gefunden wurde. Mit schwersten Verbrennungen. Der Vater kam eines Nachts betrunken nach Hause und kochte sich eine Suppe. Da der junge Hunger hatte, verlangte er ein wenig zu essen. Der Vater verneinte und als sein Sohn nicht locker liess, packte der Vater den Jungen und steckte ihn in den Topf. Da der Sohn schrie, «entsorge» der Vater ihn am Strassenrand. Ein Bauer fand ihn am nächsten Morgen und brachte ihn ins Rhein-Valley Hospital. Mein Atem stockt und mein Herz beginnt zu rasen. «Verbrennungen sind leider an der Tagesordnung. Wir haben uns daran gewöhnt, allerdings ist es auch für uns unerträglich zu sehen, wie Menschen hier behandelt werden», sagt Ruth Schäfer. Gäbe es das Rhein-Valley Hospital nicht, wäre der Junge sicher gestorben. Entsorgt wie Abfall. Solch ein Tod ist unmenschlich, dort das gehört zu Kenia. Das musste ich lernen.
Ich bin dem Rheintaler Verein dankbar für ihren Einsatz am Rhein-Valley Hospital. Auch wenn es als kalter Tropfen auf einen heissen Stein wirkt, es ist für den Einzelnen wie eine Oase in der Wüste. Die armen Menschen, die sich weder Essen noch Wasser leisten können, werden behandelt. Ihnen werden Schmerzen genommen, sie werden gegen HIV behandelt und junge Mütter werden aufgeklärt. Bisher kannte ich nur die Spitzenmedizin in Europa. In der Schweiz lebt man im Überfluss. Der Krieg hat viele Narben hinterlassen. Ich hätte nicht gedacht, dass die Menschen noch immer so viele Probleme bewältigen.
Auch als ich bei Ruth Schäfer zu Hause bin, gehen mir die Bilder nicht aus dem Kopf. Ich kann wieder ins Flugzeug steigen und in die Heimat zurück fliegen. Doch der Teufelskreis dreht sich hier ständig. Ich halte mich strikt an Ruths Regeln. Eine ist, niemals bei Dunkelheit vor die Tür zu gehen. Es herrscht Lebensgefahr und es gilt das Motto: Fressen oder gefressen werden. Es ist nicht selten, dass ich Schiessereien vor der Haustüre höre. Das wird nicht aufhören, solange das Chaos im Land herrscht. Vor zwei Wochen fand man den Kopf eines jungen Mädchens am Strassengraben. Zuvor war sie auf offener Strasse ausgeraubt und vergewaltigt worden. Das sei Alltag, sagt Ruth, als wir im Hintergrund wieder Schüsse hören. Sie verzieht keine Miene, trinkt in aller Ruhe den inzwischen kalten Kaffee.
Ich empfinde ihre Taten als Meisterleistung. Man Menschen wie Ruth Schäfer den Friedensnobelpreis übergeben. Ruth Schäfer krempelt die Ärmel hoch und macht sich die Hände dreckig. Tag für Tag. Mit Überzeugung. Ruth Schäfer hat Geduld, Frieden und Herz, wie ich es selten gesehen habe. In ihr vereinen sich die Tugenden, die Kenia dienen. Gut, dass es Menschen gibt, die an das Projekt glauben, ein Spital bauen und regelmäsig Geld oder Energie spenden für Menschen, die sie nie kennenlernen werden.


Ein letztes Mal betrete ich ein Patientenzimmer. Ich erblicke eine junge Frau, sie wirkt verwirrt. Sie hat wohl nicht mit einem weissen Mann gerechnet. In ihren Armen hält sie ihr Neugeborenes. Sie ist sie zur regulären Kontrolle gekommen. Nach ihren Blicken und Handgriffen zu urteilen, ist das für die junge Frau nicht neu. Der Arzt bestätigt es: Sie ist 28 Jahre alt und zum sechsten Mal Mutter geworden. Sie weiss nicht, wer der Vater ist, da sie auf offener Strasse vergewaltigt wurde. Die anderen fünf Kinder haben auch keinen Vater. Die Mutter wurde sechs Mal von sechs verschiedenen Männer vergewaltigt und positv auf auf HIV getestet.
Mir wird übel und ich merke, wie mir das Gesicht entgleist. Ich fühle Wut und Trauer wie noch nie. Es ist das pure Entsetzen und ich kann mir nur im geringsten vorstellen, wie es für die junge Mutter sein muss. Als ich aus dem Rhein-Valley Hospital hinaus laufe, begegne ich einem Mädchen, ich nenne sie Sunny. Ich habe sie bei einer Untersuchung kennengelernt. Sunny kommt auf mich zu und lacht. Wir haben viel gemeinsam, lieben beide Bücher, interessieren uns für Naturwissenschaft und begeistern uns für Medizin. «Eines Tages werde ich Ärztin sein und ein Mittel gegen Aids entwickeln, damit niemand mehr daran sterben muss!», sagt sie. Sunny ist seit Geburt HIV-positiv. Ihre Heilungschancen sind schlecht.


Zurück in der Schweiz nehme ich an einem Anlass von «Ärzte ohne Grenzen» teil. Ein Film über Einsätze in Afrika wird gezeigt. Themen sind Brutalität, Leben und Tod. Erst jetzt kann mich in solch eine Dokumentation versetzen. Ich weiss nun, wie es sich anfühlt, wenn man machtlos als Mediziner daherkommt und das lähmende Gefühl grösser und grösser wird. Nach dem Film diskusstiere ich mit einem Mediziner, der mehrmals Einsätze auf der ganzen Welt geleistet hat. Er versteht meine Gedanken, mein Nichtverstehen und meine Ohnmacht, die ich manchmal gefühlt habe. Auf die Frage, ob ich noch einmal nach Afrika gehen würde, antworte ich: «Sofort, meine Tasche ist jederzeit griffbereit». Herzlichen Dank an alle Menschen, die solche Einsätze möglich machen. Sie sind für mich Helden. Wie Mama Matata, die täglich um Gerechtigkeit kämpft.

 

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Tags: Untagged
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